Sprüche

Die Spruchbilder (Sprüche) sind eine besondere Kunstform. Die Tradition der kurzen Sinnsprüche mit Lebensweisheiten hat einen langen, noch vorchristlichen Ursprung. Seit der Antike war es üblich, die Fassaden und Wände von Häusern mit kurzen Sprüchen zu schmücken. Im Mittelalter entwickelte sich der Sinnspruch als eine Gattung der deutschen Dichtung, ein kurzes Gedicht mit mahnendem Charakter, das in Fabeln, Gleichnissen und moralischen Gedichten weit verbreitet war. Der Spruch soll sich als didaktischer Zweig des Minnesangs, der deutschen ritterlichen Dichtung, entwickelt haben, deren Werke oft einen moralischen und religiösen Charakter hatten.

Die Entstehung und Entwicklung des Spruchs als mittelalterliche Dichtungsgattung sind mit den Namen Walter von der Vogelweide und Hans Sachs sowie mit der Dichtung der Minnesänger im Allgemeinen verbunden. Diese literarische Kunstform wurde durch Bilder ergänzt, die, immer vor Augen, die moralische Wirkung des Wortes verstärken und festigen sollten.

Mit der Verbreitung des Buchdrucks wurden Bilder, die Heilige und die Jungfrau Maria (hauptsächlich bei den Katholiken), Engel und Christus (bei den Protestanten) darstellten, als Wanddekoration in den Häusern der einfachen Leute sehr beliebt. Neben ihrer ästhetischen Funktion hatten die Sprüche auch eine schützende und bewachende Funktion – nicht umsonst wurden über den Kinderbetten oft Engelsbilder aufgehängt. Die deutschen Siedler brachten diese Tradition nach Russland.

In den Dialekten der Russlanddeutschen hat der Begriff „Spruch“ ebenfalls mehrere Bedeutungen. Im weitesten Sinne ist damit jeder Denkspruch oder auch eine Ermahnung gemeint. In der Kultur der Russlanddeutschen haben Sprüche vor allem religiöse Konnotationen. In der Regel sind solche Sprüche mit Bibelzitaten verbunden und wurden von den Russlanddeutschen zur Verzierung von Haushaltwäsche (bestickte Handtücher und Kissenbezüge), von Kärtchen, die nach dem Gottesdienst in einem Gotteshaus verteilt wurden, von Hochzeitseinladungen, Alben und Briefen mit Todesnachrichten verwendet.

Meist wird aber  bei den Russlanddeutschen ein kurzer Bibelspruch, eine Maxime erbaulicher Art als „Spruch“ bezeichnet und stellt ein kunstvoll gestaltetes und eingerahmtes Wandbild dar.  In der Regel befindet sich in der Mitte des Bildes ein Zitat aus dem Evangelium oder dem Alten Testament, das an den Rändern mit floralen Ornamenten verziert ist. Manchmal stehen christliche Symbole oder Attribute (Kreuz, Buch) im Mittelpunkt, und die floralen Muster werden durch eine Landschaftskomposition ersetzt. Die Tradition, Zitate aus religiösen Büchern (Sprüche) in Form von Gemälden zu gestalten, ist zwar bei den Russlanddeutschen weit verbreitet, ist aber vor allem für protestantische Bräuche charakteristisch und war besonders bei den Mennoniten und später bei den Baptisten zu finden.

Heutzutage sind die Sprüche meist schön gestaltete Bibelsprüche oder kurze Ermahnungen. Diese ständige Erinnerung soll  den Glauben festigen und davor bewahren, in der Hektik des Alltags Gott zu vergessen. Die verschiedenartig ihrem Inhalt und ihrer Gestaltung nach gearteten Wandbilder werden sowohl in Gebetsräumen als auch in Wohnungen, meist im Wohn- oder Schlafzimmer, angebracht. Die Laienkünstler verwendeten für die Anfertigung von Sprüchen alle verfügbaren Materialien: Leinwand, Papier, Pappe, Glas, Ölfarbe, Tinte und Gouache. Als Hintergrund für die Äußerung dienten einfache Motive oder stilisierte Landschaften, am häufigsten jedoch waren es Blumenarrangements, deren Vielfalt verblüffend ist.  Der Spruch als kunsthandwerkliche Form ist ein charakteristisches Merkmal der deutschen Volkskunst.

Quellen

kulturelles Erbe
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